Die EU-Kommission hat eine neue Strategie vorgelegt. Darin beschreibt sie, was sie für Europas Häfen, Werften und Reedereien plant. Die Papiere wurden von der maritimen Wirtschaft lange erwartet. Wie sind sie einzuordnen?
Auf 56 Seiten stellt die Kommission die Lage in den EU-Staaten dar. Es geht um Häfen, Werften und Reedereien. Außerdem nennt sie in Verwaltungssprache Ziele für die kommenden Jahre. Inhaltlich erinnert das Papier an eine Hafenstrategie der Bundesregierung. Die Regierung hatte sie 2024 beschlossen.
„Die EU-Hafenstrategie deckt alle wichtigen Themen und Herausforderungen der sehr heterogenen europäischen Hafenlandschaft ab“, sagt der Geschäftsführer des Instituts für Seeverkehrswirtschaft und Logistik, Burkhard Lemper. Was sind Schwerpunkte? Lemper nennt die Wettbewerbsfähigkeit der Häfen. Er verweist auch auf ihre Rolle in der Energiewende. Zudem geht es um die Dekarbonisierung der Schifffahrt. Ein weiteres Thema ist die Sicherung von Logistikketten.
In welchem Zustand ist die Branche?
Die Kommission bewertet die Lage in der Strategie überwiegend positiv. Sie nennt europäische Häfen, Werften und Reedereien Weltmarktführer. Teilweise belegt sie das mit Zahlen. So verweist sie darauf, dass fast alle Kreuzfahrtschiffe in Europa gebaut würden. Das gelte auch für viele Eisbrecher. Außerdem heißt es: Die Handelsflotte der EU sei die größte der Welt. 34 Prozent der weltweiten Handelsflotte gehörten demnach Eignern aus der EU.
Ist das Lob gerechtfertigt?
Die meisten Schiffe werden zwar in China, Südkorea und Japan gebaut. Trotzdem sind europäische Werften technologisch stark. Das gilt als zutreffend. Der Wissenschaftler Michele Acciaro von der Copenhagen Business School sagt: „Im Schiffbau geht Europa von einer Position wirklicher Stärke aus. Werften wie Meyer Werft, Fincantieri und Damen sind Weltmarktführer.“
Auch bei den Reedereien stimmt: Unternehmen aus der EU dominieren weltweit. Vier der fünf größten Containerreedereien kommen aus Europa. Drei davon haben ihren Sitz in EU-Ländern. Das sind Maersk (Dänemark), CMA CGM (Frankreich) und Hapag-Lloyd (Deutschland). Die größte Reederei MSC sitzt in der Schweiz. Außerhalb des Containergeschäfts gibt es ebenfalls erfolgreiche europäische Firmen. Ein Beispiel ist Oldendorff aus Deutschland.
Bei den Häfen ist das Bild gemischter. Rotterdam, Antwerpen-Brügge und Hamburg sind in Europa sehr groß. Im Vergleich zu Asien schlagen europäische Häfen aber deutlich weniger Waren um. In Produktivitätsstatistiken liegen sie zudem nicht an der Spitze.
Welche Probleme gibt es?
Probleme nennt die Kommission nur punktuell. Häufig geschieht das eher indirekt. So heißt es, kleine und mittelgroße Werften müssten modernisiert werden. China konkurriere stärker beim Bau bestimmter Spezialschiffe. Genannt werden Fähren und Windpark-Errichterschiffe. Damit gehe es nicht mehr nur um Massenproduktion. Außerdem seien Passagierschiffe vielerorts veraltet. Sie müssten ersetzt werden.
Ein weiterer Fokus liegt auf Verteidigung und innerer Sicherheit. Die Kommission stellt die Frage, ob ausländische Beteiligungen an europäischen Häfen im Interesse der EU sind. Sie kündigt an, ausländische Investitionen in europäischen Häfen erfassen und überwachen zu wollen.
Zur Einordnung verweist der Text auf Deutschland. Dort hatte der begrenzte Einstieg der staatlichen chinesischen Reederei Cosco an einem Containerterminal in Hamburg eine Debatte ausgelöst. Cosco ist außerdem im Hafen Piräus aktiv. Das ist auch über Griechenland hinaus immer wieder Thema. Kritik kam unter anderem aus den USA.
Was verspricht die Strategie außerdem?
Die Strategie enthält viele weitere Vorhaben. Ein Schwerpunkt ist das Schiffsrecycling. Die EU will es ausweiten. Dafür soll es eine Zusammenarbeit mit Indien geben. Zudem will die EU den Bau von Fähren fördern, die zivil und militärisch einsetzbar sind („Dual Use“). Außerdem prüft die Kommission, ob Handelsschiffe mit Kernenergie betrieben werden dürfen.
Wie steht es um die Finanzierung?
Bis 2027 sollen laut einer Handreichung der Kommission zunächst vorhandene Fördertöpfe genutzt werden. Eine finanzielle Förderung für den Bau der Dual-Use-Fähren zieht die Kommission in Betracht. Lemper sieht in der Strategie auch Ansätze, wie Hafenprojekte künftig finanziell unterstützt werden könnten.
Was ist mit der Nachhaltigkeit?
Die Dekarbonisierung der Schifffahrt ist Teil der Strategie. Laut Text will sich die EU in der Internationalen Seeschifffahrtsorganisation der UN für strengere Klimaschutzregeln einsetzen. Verhandlungen dazu waren im vergangenen Jahr überraschend gescheitert. Dabei hatten die USA Druck ausgeübt.
Acciaro sieht beim Thema Nachhaltigkeit Lücken. Er fordert einheitliche Preise für Umweltstandards. Das betreffe auch Hafenentgelte. Das sind die Gebühren, die Häfen von Reedereien verlangen.
Ohne einheitliche Standards „entsteht ein Wettlauf nach unten zwischen Häfen, der die gesamte Nachhaltigkeitsagenda untergräbt“, sagt Acciaro. Er meint damit: Häfen mit strengen Umweltauflagen könnten Marktanteile verlieren. Denn andere Häfen hätten niedrigere Standards.
Quelle: dpa











