Kürzlich absolvierte sie ihre erste Reise als Kapitänin – sechs Monate an Bord der „Linah“, einem Containerschiff mit Kapazität für knapp 15.000 Stahlboxen. Die Route führte von Slowenien über Ägypten, rund um Afrika bis nach China und zurück. „Ich bereue es bis heute nicht“, sagt die Emderin über ihre Berufswahl. „Die Seefahrt ist super vielseitig und macht einfach sehr viel Spaß.“
Den Beruf schätze sie wegen seiner Abwechslung: „Jeden Tag wird man mit seinem Wissen und seinen Fähigkeiten neu gefordert. Mal ist wirklich Entendeich, blauer Himmel und die Delfine springen am Horizont, und dann gibt es Tage, wo man auf besondere Wettersituationen oder veränderte Hafeneinläufe reagieren muss.“
Den ersten Kontakt zur Seefahrt knüpfte Middents während eines Jobs auf Borkum, wo sie Seenotretter und frühere Kapitäne kennenlernte. Nach dem Abitur stieß sie beim Lesen über Studiengänge auf die Kombination aus Wirtschaftsingenieurwesen und Nautik. „Ich habe das gelesen und mir gedacht: Das ist es, das will ich machen“, erinnert sich Middents. Ein Praxissemester 2009 auf einem Mehrzweckfrachter in der Karibik bestätigte die Wahl. Die Erfahrung auf einem Kreuzfahrtschiff brachte schließlich die Entscheidung für Container: „Da habe ich mir gedacht: Container, da geht die Reise hin.“
Frauen in der Seefahrt – noch immer eine Minderheit
Als Kapitänin trägt Middents Verantwortung für Schiff, Ladung und internationale Besatzung. Teamzusammenhalt spiele dabei eine zentrale Rolle – von Grill- und Karaoke-Abenden bis hin zu Tischtennis-Turnieren. Auch kulturelle Traditionen fänden ihren Platz: Als sie über Weihnachten auf See war, brachte Middents Schokolade von zu Hause mit und schrieb am Vorabend des Nikolaustags ans Whiteboard: „Deutsche Tradition, saubere Schuhe vor die Tür stellen – dann kommt vielleicht der Nikolaus.“
Weibliche Besatzungsmitglieder bleiben auf Handelsschiffen selten. Bei Hapag-Lloyd mit über 300 Schiffen sind aktuell vier Frauen als Kapitäninnen im Einsatz. Der Frauenanteil in der deutschen Handelsflotte liegt laut Verband Deutscher Reeder (VDR) bei rund 7 Prozent, bei Hapag-Lloyd bei 5,7 Prozent. International beträgt der Schnitt rund 2 Prozent.
Middents kennt es, als einzige Frau an Bord zu sein. „Wenn man als Frau allein an Bord ist, dann ist man die Frau“, sagt Middents. „Aber wenn mehrere Frauen an Bord sind, dann ist man die Offizierin oder die Ingenieurin und nicht mehr nur „die Frau“. Das normalisiert vieles.“ Entscheidend bleibe letztlich die Leistung: „Solang man seine Aufgaben vernünftig erfüllt, wird man dafür auch respektiert, wie man arbeitet. Da spielt es dann keine Rolle, wie man aussieht oder welches Geschlecht man hat.“
Hapag-Lloyd setzt nach eigenen Angaben auf gezielte Nachwuchsgewinnung und mehr Sichtbarkeit weiblicher Vorbilder. „Ziel ist, dass Frauen an Bord nicht als Ausnahme wahrgenommen werden, sondern als selbstverständlicher Teil der Crew – ob als Kapitänin, Offizierin, Ingenieurin, Kadettin oder in anderen Funktionen“, teilt eine Unternehmenssprecherin mit. VDR-Präsidentin Gaby Bornheim betonte anlässlich des Internationalen Tages der Frauen in der Seeschifffahrt am 18. Mai: „Je offener und attraktiver wir als Branche sind, desto besser können wir Talente gewinnen und langfristig binden.“
Middents wirbt für mehr Nachwuchs – auch für Landjobs in Reedereibüros oder Lotsenbrüderschaften. Sie beklagt mangelnde Sichtbarkeit: „Wir Seeleute sind unsichtbar. Wir schmeißen die Leinen im Hafen los und dann sind wir weg aus dem Bewusstsein. Dass Menschen diese Schiffe fahren, ist vielleicht gar nicht mehr so präsent.“ Jungen Frauen vor der Berufswahl rät sie: „Wenn man sich für die Seefahrt interessiert, sollte man es in jedem Fall ausprobieren.“
Ihre nächste Mission hat bereits begonnen. Von New York aus steuert sie die „Hongkong Express“ mit bis zu 13.000 Containern an der US-Ostküste entlang nach Sri Lanka, China, Vietnam, Malaysia und zurück. „Im Moment macht es mir sehr viel Spaß“, sagt die 35-Jährige.
Quelle: dpa











